Hin und weg: Die Geschichte vom Alpensprung

(Textbeispiel)

Alles fing damit an, dass ich verlassen wurde und ein schlimmes Jahr mit Hilfe von Wodka und Tabletten hinter mich bringen musste. Dann vermittelte mir ein Kommilitone einen guten Job: Fahrerin für ein Zahnlabor. Das war die beste Arbeit, die ich seit meinem vierzehnten Lebensjahr für Geld gehabt habe, und ich hatte viele. Ich kurvte mit meinem schönen blauen Wolkenkäfer (ich hatte über Nachlackierungen im falschen Blauton weiße Wolken gemalt) in der Münsteraner Innenstadt herum, ein Schild „Arzt“ an der Heckscheibe. Wo sonst nur Fahrräder und Busse unterwegs waren, durfte ich vor jeder Zahnarztpraxis parken – und ich ließ mir dabei Zeit. In Münster gab es viele schöne Geschäfte. Was die Geschichte zusätzlich vorantrieb: Mein Wolkenkäfer verfügte über den Luxus eines eingebauten Radios mit Kassettenrekorder. (Seite 66)


Noch heute muss ich bei Toscas „Vissi d’arte“ oder Butterflys „Un bel dì“ nur die Augen schließen und ich habe den Geruch der Kunststoffmasse in der Nase, mit der Zahnärzte die Abdrücke für Brücken machen. Manchmal kriege ich sogar Speichelfluss in Erinnerung an meine eigene Zahnbehandlung, an das Reinbeißen in die stinkende Masse, die sich wie eine erstickende Menge von Kaugummi anfühlte. Ich weiß seitdem, dass man sich nicht nur an Musik und Empfindungen erinnern kann, nein, auch Gerüche sind in den Falten unseres Gehirns irgendwo gespeichert und sind im Fall sinnlicher Entsprechungen in unserem Gedächtnis als Erinnerung abzurufen. (Seite 67)


Dunkle Regenwolken hingen in den Alpen, als ich mit meinem blauen Käfer über die Bergstraßen zockelte. Landesgrenzen waren hier unsichtbar, hatten jede Bedeutung verloren. Aber plötzlich tauchte aus dem Nebel ein Schild hervor, dann ein dunkles Häuschen, aus dem ein Mann mit Mütze und Cape heraustrat. Ich roch den Tropfenschleier auf seinem Mantelstoff, als ich ihm durchs geöffnete Wagenfenster meinen Personalausweis reichte. Das Cape und die Mütze mit dem roten Streifen erinnerten mich an den Tambourmajor aus Puccinis Café Momus. Ich fuhr wirklich und wahrhaftig meinen Opernfantasien entgegen! Ich musste lächeln. Er strahlte mich an. Er war ja Italiener. Als er mich als Deutsche identifiziert hatte, gab er mir mit breitem Grinsen den Ausweis zurück: „Germania eh – football eh,“ und dabei wiegte er mit hochgezogenen Brauen den Kopf, als wollte er sagen: Na das war wohl nichts mit euch… Gott sei Dank erinnerte ich mich, dass soeben bei der Weltmeisterschaft die deutsche der italienischen Mannschaft im Finale unterlegen war. Dann winkte er mich weiter, fasste an seine Mütze und rief mir wieder lachend nach: „Eh – football Italia eh!“
Nun ging es die Alpen wieder hinab. Die Grundmelodie für meine Reise war gelegt. Ich würde sie lieben, die Menschen hier!
(Seite 75)