Die Katze wohnte im Tempel.

Sie war ein Gott.

Wenn abends Priester in den Tempel kamen, ging sie spazieren. Denn dann hatte sie Hunger.
Sie holte sich Mäuse. Sie hatte Häuser voller Mäuse.
Und niemand, absolut niemand, konnte ihr etwas tun.

Trotzdem tat sie sich manchmal weh. Aber das war nicht schlimm, denn sie hatte einen guten Tierarzt.
Manchmal, wenn eine Schwester oder ein Bruder starb, dann bekamen sie ein wunderschönes Begräbnis.
Eines Tages würde auch sie so ein Begräbnis bekommen. Im Tempel waren auch noch andere Katzen. Die hatten es genauso gut.

Die Katze ging einmal ganz allein spazieren. Da traf sie am Nil einen Jungen. Er drehte sich zu ihr um und sagte „Isiris“. Zumindest verstand sie es so. Sie war verwundert. Sie hörte zum ersten Mal einen Namen, der zu ihr gehören sollte. „Isiris“, sagte der Junge wieder und hockte sich auf den Boden. Da setzte Isiris sich neben ihn. Er faßte an ihren Kopf. Er streichelte sie. Isiris hielt still.

Sie ging zurück in den Tempel und sagte: Hier bin ich. Ich bin Isiris. Da lachten die anderen Katzen.
Isiris hatte nun öfter Lust, zu dem Jungen zu gehen. Er schien sich zu freuen, wenn sie kam. Sie hielt ihm ihren Kopf hin und manchmal legte sie sich sogar auf den Rücken und ließ sich den Bauch kraulen.

Eines nachts betrachtete Isiris den Mond und die Sterne und beschloss, eine Weile fortzugehen. Sie konnte sehr weit fortgehen. 1000 Jahre oder auch mehr. Isiris konnte, weil sie ein Gott war, über den Nil gehen. Über den Nil gehen, das bedeutete: Viele Jahre fortgehen. Und über den Nil zurückkommen, das bedeutete: Viele Jahre zurückkommen.

Isiris ging in dieser Nacht 3500 Jahre fort.

© Marianne Koch

Die Katze wohnte im Tempel - Lesestoff von Marianne Koch

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