Der Nachbar

Als ich ihn das erste Mal sah, war er ausgesprochen höflich und zuvorkommend. Es war eine leise, eilfertige Höflichkeit.
Er trug meine Koffer in den 3. Stock, trug sie bis in ihr Bestimmungszimmer, fragte mich, ob er mir helfen könne, probierte einen herumliegenden Türschlüssel an sämtlichen Zimmertüren aus, erklärte schnell, leise und wenig verständlich, aus welchen Gründen – ich habe sie vergessen – dieser Schlüssel nicht passen könne und schlug eine Lösung vor – die ich auch vergessen habe – was nun zu tun sei – gerade als ob mir ein bestimmungsloser Schlüssel in meiner leeren und noch unbewohnten Wohnung von irgendeiner Wichtigkeit sei.

So oft ich ihn weiterhin sah, war er von dieser leisen, etwas zerfahrenen Geschäftigkeit und erst jetzt fällt mir die Ähnlichkeit mit seinem kleinen Sohn auf, der schon damals, vierjährig, durch die Eigenart bestürzte, beim Reden, insbesondere wenn es an eine bestimmte Person gerichtet war, mit dem Blick auf den Boden gerichtet, hektisch vor der angeredeten Person hin- und herzulaufen. Genaugenommen war er, wie er auf meine Frage antwortete, ‚deideiviertel‘, noch nicht vier…..

Unser Nachbar hat zwei Briefkästen, wir und die anderen Mitbewohner des Hauses jeweils nur einen. Er braucht ihn, denn er bekommt stapelweise Büchersendungen zugeschickt. Bücher nehmen einen großen Platz in seinem Leben ein, nicht nur im übertragenen Sinn. Im Keller: vier (oder mehr?) Regale bis unter die Decke doppelreihig voll. Im Wohnzimmer ebenso.
An diesem zweiten Briefkasten übrigens steht nicht Peter Hoffmann, wie an seinem ersten, sondern Peter J.Hoffmann. Wie John F.Kennedy, sagte ich. Mein Freund sagte: Der eine verschönt sich seinen Namen mit einem Dr., der andere mit einem J. Das war gemein, ich weiß. Mein Freund nennt den Nachbarn seitdem nur Peter J.
Zurück zu den Büchern: Als wir uns einmal zufällig im Keller trafen, zeigte er mir die Bücherregale und gab einen kurzen Überblick über sein Ordnungssystem. Manchmal schenkt er mir seitdem eine Handvoll Taschenbücher, die er wahrscheinlich doppelt oder dreifach hat, was ich aber trotzdem sehr nett finde….

Im Wohnzimmer unseres Nachbarn ist es kalt. Wenn Besuch kommt, wird er sofort in dieses Zimmer geführt, auch wenn er nur einen Satz zu sagen hat.
Wir tauschten Nachbarschaftsbesuche. Das war zu der Zeit, als der Sohn noch nicht richtig sprach. Er verschliff alle Laute derartig, dass ihn meist nur die Mutter und der Vater verstanden. Aber er sagte fehlerfrei und deutlich ‚Reichsdeputationshauptschluß‘. Sein Vater fand das lustig, d.h. er machte sich darüber lustig, wohl um seinen Stolz zu verbergen. Diese ironischen Kommentare kann er sehr gekonnt diskret und beiläufig streuen. Es ist schwer, ihn bei einer Meinung zu erwischen. Den ‚Herrenabend‘ besipielsweise bei Prof. A., der an der Uni so bekannt wie unbeliebt ist, besucht er regelmäßig. Sein Kommentar: „Ich wollte mal sehen, wie sowas aussieht, ein Herrenabend.“ Dass bei der Tagung in Rio im Taxi der Schriftsteller K. neben ihm gesessen hat, dass er die Wohnungstür lieber offen läßt, weil gleich die Rundfunkanstalten A und B anrufen werden, um einen Literaturbericht anzufordern, weiß er ebenso geschickt und leise in das Gespräch zwischen Tür und Angel einzuflechten wie Details aus dem Privatleben des Schauspielers S.. …

Bei diesen Anlässen erlag unser Nachbar auch fast immer der Täuschung der meisten Menschen, dass man einem Arzt (der mein Freund ist) kleine und größere Anekdoten aus seinem Krankheitsleben erzählen könne und müsse, weil diese ihn (den Arzt) interessierten. So zum Beispiel die lustige Geschichte von seinem Hausarzt, der nach einer Untersuchung zu keiner Diagnose fand. Er habe über den Brillenrand geguckt – unser Nachbar rückte die Brille auf die Nasenspitze – und gesagt: „Und wie ist es mit dem Sexuellen?“ An dieser Stelle sollten die Anwesenden lachten und taten es pflichtschuldig. Ich erinnere mich, dass es mir unangenehm war, dass ich nicht mitlachen konnte….

© Marianne Koch

Der Nachbar - Lesestoff von Marianne Koch

Lesestoff von Marianne Koch